Das blaue Fenster - Novellen
Salus, Hugo, 1866-1929
German
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Das blaue Fenster
Novellen
von
Hugo Salus
Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906
Alle Rechte
vorbehalten
Pietà
Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immeretwas Verträumtes; es ist so, als hätten dieHäuser der Menschen, deren Heiligtum es war, dasKirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgebliebenist, bis die Bäume des Waldes an seineMauern hinanwuchsen; oder als wäre es, einsamkeitssüchtigund der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen,um fürder recht als ein Einsiedel hochoben im grünen, stillen Forste zu träumen.
In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeitund der Märchenzauber des Wanderersetwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtumeehrlich und wundergläubig wie ein Kind.
Ich habe im Sommer heuer solch ein einsamesKirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwawie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsamgenug an einen hohen und runden Turm anschmiegte:so daß es gleich den Anschein weckte, als wäre aneinen alten Wartturm später die Kapelle angebautworden. Ich war durch den schönen Wald wie immerin dem Gefühle gegangen, durch einen Dom zuschreiten, so daß ich lächelnd nunmehr das kleine Gotteshausmitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte.Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und dasInnere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legtemeinen Wanderhut auf eine der wenigen Bänke undging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwandsich vom Boden erhob. Es war das langgestreckteGrabmal eines adeligen Fräuleins, und ihre Gestaltwar aus dem Sandstein herausgemeißelt, so daßsie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da aufder Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein,der durch das Fenster der gegenüberliegendenWand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich schimmernd,so daß ich den Strahl gleich zu dem Fensterzurückverfolgte und dort mitten in dem Fenster eineblaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen undsatten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Daschaute ich mir das Gesicht der Schlummernden nocheinmal an, ich beugte mich darüber, aber so, daß der
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