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Das Leiden eines Knaben

Meyer, Conrad Ferdinand, 1825-1898

German



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Below is a summary of Das Leiden eines Knaben






Das Leiden eines Knaben

Conrad Ferdinand Meyer



Der Koenig hatte das Zimmer der Frau von Maintenon betreten und,
luftbeduerftig und fuer die Witterung unempfindlich wie er war, ohne
weiteres in seiner souveraenen Art ein Fenster geoeffnet, durch welches
die feuchte Herbstluft so fuehlbar eindrang, dass die zarte Frau sich
froestelnd in ihre drei oder vier Roecke schmiegte.

Seit einiger Zeit hatte Ludwig der Vierzehnte seine taeglichen Besuche
bei dem Weibe seines Alters zu verlaengern begonnen, und er erschien
oft schon zu frueher Abendstunde, um zu bleiben, bis seine Spaettafel
gedeckt war. Wenn er dann nicht mit seinen Ministern arbeitete, neben
seiner diskreten Freundin, die sich aufmerksam und schweigend in ihren
Fauteuil begrub; wenn das Wetter Jagd oder Spaziergang verbot; wenn
die Konzerte, meist oder immer geistliche Musik, sich zu oft
wiederholt hatten, dann war guter Rat teuer, welchergestalt der
Monarch vier Glockenstunden lang unterhalten oder zerstreut werden
konnte. Die dreiste Muse Molieres, die Zaertlichkeiten und Ohnmachten
der Lavalliere, die kuehne Haltung und die originellen Witzworte der
Montespan und so manches andere hatte seine Zeit gehabt und war nun
gruendlich vorueber, welk wie eine verblasste Tapete. Massvoll und fast
genuegsam wie er geworden, arbeitsam wie er immer gewesen, war der
Koenig auch bei einer die Schranke und das Halbdunkel liebenden Frau
angelangt.

Dienstfertig, einschmeichelnd, unentbehrlich, dabei voller Grazie
trotz ihrer Jahre, hatte die Enkelin des Agrippa d'Aubigne einen
lehrhaften Gouvernantenzug, eine Neigung, die Gewissen mit Autoritaet
zu beraten, der sie in ihrem Saint-Cyr unter den Edelfraeulein, die sie
dort erzog, behaglich den Lauf liess, die aber vor dem Gebieter zu
einem bescheidenen Sichanschmiegen an seine hoehere Weisheit wurde.
Dergestalt hatte, wann Ludwig schwieg, auch sie ausgeredet, besonders
wenn etwa, wie heute, die junge Enkelfrau des Koenigs, die Savoyardin,
das ergoetzlichste Geschoepf von der Welt, das ueberallhin Leben und
Gelaechter brachte, mit ihren Kindereien und ihren trippelnden
Schmeichelworten aus irgendeinem Grunde wegblieb.

Frau von Maintenon, welche unter diesen Umstaenden die Schritte des
Koenigs nicht ohne eine leichte Sorge vernommen hatte, beruhigte sich
jetzt, da sie dem beschaeftigten und unmerklich belustigten Ausdrucke
der ihr gruendlich bekannten koeniglichen Zuege entnahm: Ludwig selbst
habe etwas zu erzaehlen, und zwar etwas Ergoetzliches.

Dieser hatte das Fenster geschlossen und sich in einen Lehnstuhl
niedergelassen. "Madame", sagte er, "heute mittag hat mir Pere
Lachaise seinen Nachfolger, den Pere Tellier, gebracht."

Pere de Lachaise war der langjaehrige Beichtiger des Koenigs, welchen
dieser, trotz der Taubheit und voelligen Gebrechlichkeit des greisen
Jesuiten, nicht fahrenlassen wollte und sozusagen bis zur
Fadenscheinigkeit aufbrauchte; denn er hatte sich an ihn gewoehnt, und
da er--es ist unglaublich zu sagen--aus unbestimmten, aber doch
vorhandenen Befuerchtungen seinen Beichtiger in keinem andern Orden
glaubte waehlen zu duerfen, zog er diese Ruine eines immerhin
ehrenwerten Mannes einem juengern und strebsamen Mitgliede der
Gesellschaft Jesu vor. Aber alles hat seine Grenzen. Pere Lachaise
wankte sichtlich dem Grabe zu, und Ludwig wollte denn doch nicht an
seinem geistlichen Vater zum Moerder werden.

"Madame", fuhr der Koenig fort, "mein neuer Beichtiger hat keine
Schoenheit und Gestalt: eine Art Wolfsgesicht, und dann schielt er. Er
ist eine geradezu abstossende Erscheinung, aber er wird mir als ein
gegen sich und andere strenger Mann empfohlen, welchem sich ein
Gewissen uebergeben laesst. Das ist doch wohl die Hauptsache."

"Je schlechter die Rinne, desto koestlicher das darin fliessende
himmlische Wasser", bemerkte die Marquise erbaulich. Sie liebte die
Jesuiten nicht, welche dem Ehebunde der Witwe Scarrons mit der
Majestaet entgegengearbeitet und kraft ihrer weiten Moral das Sakrament
in diesem koeniglichen Falle fuer ueberfluessig erklaert hatten. So tat
sie den frommen Vaetern gelegentlich gern etwas zuleide, wenn sie
dieselben im stillen krallen konnte. Jetzt schwieg sie, und ihre
dunklen mandelfoermigen, sanft schwermuetigen Augen hingen an dem Munde
des Gemahls mit einer bescheidenen Aufmerksamkeit.

Der Koenig kreuzte die Fuesse, und den Demantblitz einer seiner
Schuhschnallen betrachtend, sagte er leichthin: "Dieser Fagon! Er
wird unertraeglich! Was er sich nicht alles herausnimmt!"

Fagon war der hochbetagte Leibarzt des Koenigs und der Schuetzling der
Marquise. Beide lebten sie taeglich in seiner Gesellschaft und hatten
sich auf den Fall, dass er vor ihnen stuerbe, Asyle gewaehlt, sie
Saint-Cyr, er den botanischen Garten, um sich hier und dort nach dem
Tode des Gebieters einzuschliessen und zu begraben.

"Fagon ist Euch unendlich anhaenglich", sagte die Marquise.

"Gewiss, doch entschieden, er erlaubt sich zu viel", versetzte der
Koenig mit einem leichten halb komischen Stirnrunzeln.

"Was gab es denn?"

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