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Zerbin, oder die neuere Philosophie

Lenz, Jakob Michael Reinhold, 1751-1792

German



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Below is a summary of Zerbin, oder die neuere Philosophie






Zerbin (oder die neuere Philosophie)

Jakob Michael Reinhold Lenz




O let those cities, that of plenty's cup And her prosperities so
largely taste, With their superfluous riots hear these
tears-_Shakespeare_


Wie mannigfaltig sind die Arten des menschlichen Elends! Wie
unerschoepflich ist diese Fundgrube fUer den Dichter, der mehr durch
sein Gewissen, als durch Eitelkeit und Eigennutz sich gedrungen fuehlt,
den vertaubten Nerven des Mitleids fuer hundert Elende, die unsere
Modephilosophie mit grausamen Laecheln von sich weist, in seinen
Mitbuergern wieder aufzureizen! Wir leben in einem Jahrhundert, wo
Menschenliebe und Empfindsamkeit nichts Seltenes mehr sind: woher
kommt es denn, dass man so viel Unglueckliche unter uns antrifft? Sind
das immer Unwuerdige, die uns unsere durch hellere Aussichten in die
Moral bereicherten Verstandesfaehigkeiten als solche darstellen? Ach!
ich fuerchte, wir werden uns oft nicht Zeit zur Untersuchung lassen,
und, weil wir unsere Ungerechtigkeiten desto schoener bemaenteln
gelernt haben, aus allzugrosser Menschenfreundschaft desto
unbiegsamere Menschenfeinde werden, die zuletzt an keinem Dinge ausser
sich mehr die geringste moralische Schoenheit werden entdecken koennen,
und folglich auch sich berechtigt glauben, an dem menschlichen
Geschlecht nur die Gattung, nie die Individuen zu lieben.

Folgende Erzaehlung, die aus dem Nachlass eines Magisters der
Philosophie in Leipzig gezogen ist, wird, hoffe ich, auf der grossen
Karte menschlicher Schicksale verschiedene neue Wege entdecken, fuer
welche zu warnen noch keinem unserer Reisebeschreiber eingefallen ist,
ob schon unser Held nicht der erste Schiffbruechige darauf gewesen.

Zerbin war ein junger Berliner, mit einer kuehnen, gluehenden
Einbildungskraft, und einem Herzen, das alles aus sich zu machen
verspricht, einem Herzen, das seinem Besitzer zum voraus zusagt, sich
durch kein Schicksal, sei es auch von welcher Art es wolle,
erniedrigen zu lassen. Er hielt es des Menschen fuer unwuerdig, den
Umstaenden nachzugeben, und diese edle Gesinnung (ich kenne bei einem
Neuling im Leben keine edlere) war die Quelle aller seiner
nochmaligen Ungluecksfaelle. Er war der einzige Sohn eines Kaufmanns,
der seine unermesslichen Reichtuemer durch die unwuerdigsten Mittel
zusammengescharrt hatte, und dessen ganze Sorge im Alter dahin ging,
seinen Sohn zu eben diesem Gewerbe abzurichten. Sein Handel bestand
aus Geld, welches er auf mehr als juedische Zinsen auslieh, wodurch er
der Wurm des Verderbens so vieler Familien geworden war, deren Soehne
sich, durch ihn gereizt, aufs Spiel gelegt hatten, oder zu andern
unwiederbringlichen Unordnungen gebracht worden waren. Umsonst, dass
er itzt seinen Sohn in alle den Kunstgriffen unterrichtete, womit er
die Ungluecklichen in sein Netz zu ziehen gewohnt gewesen, umsonst,
dass er ihm vorstellte, wie leicht und bequem diese Art zu gewinnen
sei, umsonst, dass er, wegen seines offenen Kopfs, und der an ihm sich
zeigenden Talente, alle moegliche Liebkosungen affenmaessig an ihn
verschwendete: Zerbins Gradheit des Herzens (soll ich es lieber Stolz
nennen?) drang durch, und weil er sahe, dass die Grundsaetze seines
Vaters allen moeglichen Gegenvorstellungen des Kindes entwachsen waren,
und er doch am Ende der Obermacht der vaeterlichen Gewalt nicht wuerde
widerstehen koennen, so wagte er einen herzhaften Sprung aus all
diesen Zweideutigkeiten und, ganz sich auf sich selbst verlassend,
entlief er seinem Vater, ohne ausser seinem Taschengelde einen Heller
mitzunehmen.

Sich selbst alles zu danken zu haben, war nun sein Plan, sein grosser
Gedanke, das Luftschloss aller seiner Wuensche. Und weil er von jeher
ausserordentliche Handlungen in den Zeitungen mit einem Enthusiasmus
gelesen, der alle andere Begierden in ihm zum Schweigen brachte, so
war sein fester Gesichtspunkt, den ihm nichts auf der Welt verruecken
konnte, nun, unter einem fremden Namen, sich bloss durch seine eignen
Kraefte emporzubringen, sodann als ein gemachter Mann zu seinem Vater
zurueckzukehren, und ihn, zur Ersetzung des von ihm angerichteten
Schadens, zu ausserordentlichen Handlungen der Wohltaetigkeit zu
bewegen, oder wenigstens nach seinem Tode seine Erbschaft dazu zu
verwenden, um auch von sich in den Zeitungen reden zu machen. Meine
Leser sehen, dass wir unsern Helden im geringsten nicht verschoenern.
Die edelsten Gesinnungen unserer Seele zeigen sich oft mehr in der
Art, unsere Entwuerfe auszufuehren, als in den Entwuerfen selbst, die
auch bei dem vorzueglichsten Menschen eigennuetzig sein muessen, wenn
ich den Begriff dieses Worts so weit ausdehnen will, als er
ausgedehnt werden kann. Vielleicht liegt die Ursache in der Natur
der menschlichen Seele und ihrer Entschliessungen, die, wenn sie
entstehen, immer auf den Baum der Eigenliebe gepfropft werden, und
erst durch die Zeit und Anwendung der Umstaende ihre Uneigennuetzigkeit
erhalten. Man lobpreise mir, was man wolle, von Tugend und Weisheit;
Tugend ist nie Plan, sondern Ausfuehrung schwieriger Plane gewesen,
moegen sie auch von andern erfunden sein.

Er wandte sich in Leipzig zuerst an den Professor Gellert, den er,
durch eine lebhafte Schilderung seiner duerftigen Umstaende, und durch
alle moegliche Zeichen eines guten Kopfs, leicht dahin bewegte, dass er
ihn unentgeltlich in die Zahl seiner Zuhoerer aufnahm, und ihm
zugleich eine Menge Informationen in der Stadt verschaffte, mit denen
er, so sparsam sie ihm auch bezahlt wurden, Kost und Wohnung

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