Die Leute von Seldwyla Band 1
Keller, Gottfried, 1819-1890
German
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Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team.
GOTTFRIED KELLER
DIE LEUTE VON SELDWYLA
Erster Band
INHALT
Einleitung von Felix Rosenberg
Pankraz, der Schmoller
Romeo und Julia auf dem Dorfe
Frau Regel Amrain und ihr Juengster
Die drei gerechten Kammacher
Spiegel, das Kaetzchen. Ein Maerchen
EINLEITUNG
Seldwyla bedeutet nach der aelteren Sprache einen wonnigen und
sonnigen Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses
Namens gelegen irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den
gleichen alten Ringmauern und Tuermen, wie vor dreihundert Jahren, und
ist also immer das gleiche Nest; die urspruengliche tiefe Absicht
dieser Anlage wird durch den Umstand erhaertet, dass die Gruender der
Stadt dieselbe eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse
angepflanzt, zum deutlichen Zeichen, dass nichts daraus werden solle.
Aber schoen ist sie gelegen mitten in gruenen Bergen, die nach der
Mittagseite zu offen sind, so dass wohl die Sonne herein kann, aber
kein rauhes Lueftchen. Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein
rings um die alte Stadtmauer, waehrend hoeher hinauf an den Bergen
unabsehbare Waldungen sich hinziehen, welche das Vermoegen der Stadt
ausmachen; denn dies ist das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal
derselben, dass die Gemeinde reich ist und die Buergerschaft arm, und
zwar so, dass kein Mensch zu Seldwyla etwas hat und niemand weiss,
wovon sie seit Jahrhunderten eigentlich leben. Und sie leben sehr
lustig und guter Dinge, halten die Gemuetlichkeit fuer ihre besondere
Kunst und, wenn sie irgendwo hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so
kritisieren sie zuerst die dortige Gemuetlichkeit und meinen, ihnen
tue es doch niemand zuvor in dieser Hantierung.
Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von
etwa zwanzig bis fuenf-, sechsunddreissig Jahren, und diese sind es,
welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von
Seldwyla darstellen. Denn waehrend dieses Alters ueben sie das
Geschaeft, das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben,
d. h. sie lassen, solange es geht, fremde Leute fuer sich arbeiten und
benutzen ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen
Schuldenverkehres, der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und
Gemuetlichkeit der Herren von Seldwyla bildet und mit einer
ausgezeichneten Gegenseitigkeit und Verstaendnisinnigkeit gewahrt
wird; aber wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn
sowie einer die Grenze der besagten bluehenden Jahre erreicht, wo die
Maenner anderer Staedtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen
und zu erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muss fallen lassen
und haelt sich, wenn er ein ganz gewoehnlicher Seldwyler ist, ferner
am Orte auf, als ein Entkraefteter und aus dem Paradies des Kredites
Verstossener, oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht
verbraucht ist, so geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort fuer
einen fremden Tyrannen, was er fuer sich selbst zu ueben verschmaeht
hat, sich einzuknoepfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als
tuechtige Kriegsmaenner nach einer Reihe von Jahren zurueck und
gehoeren dann zu den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die
junge Mannschaft zu erziehen wissen, dass es eine Lust ist. Andere
ziehen noch anderwaerts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr
hin, und in den verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen,
die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie sehr geschickt Fische zu
essen verstehen, in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris
oder Konstantinopel.
Was aber zurueckbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann
nachtraeglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend
kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, fuer den taeglichen
Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und
Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das
erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist ruehrend anzusehen, wie
taetig sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten
Stueckchen Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Buerger die
Fuelle und die Gemeinde verkauft jaehrlich noch einen guten Teil,
woraus die grosse Armut unterstuetzt und genaehrt wird, und so steht
das alte Staedtchen in unveraenderlichem Kreislauf der Dinge bis
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