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Beatrice

Heyse, Paul, 1830-1914

German



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Below is a summary of Beatrice






Beatrice

Paul Heyse

(1867)






Wir hatten bis in die tiefe Nacht hinein geplaudert, unser drei, bei
einigen Flaschen Astiweins, die wir durch einen gluecklichen Zufall
aufgetrieben hatten und nun im kuehlen Gartenhaus auf das Wohl des eben
aus Italien heimgekehrten Freundes leerten. Er war der aelteste von
uns und schon ein fertiger Mann, als wir ihn vor zwoelf Jahren auf
einer Reise im Sueden kennenlernten. Auf den ersten Blick hatte uns
seine maennliche Gestalt, der Adel seines Wesens und eine gewisse
melancholische Anmut seines Laechelns fuer ihn eingenommen. Sein
Gespraech, seine ungewoehnliche Bildung und die Bescheidenheit, mit der
er sie geltend machte, gewannen uns vollends, und die drei Wochen, die
wir miteinander in Rom zubrachten, befestigten eine so warme
Freundschaft, wie sie nur je zwischen Ungleichaltrigen bestanden hat.
Dann musste er ploetzlich nach Genf, seiner Heimat, zurueck, wo er an der
Spitze eines ansehnlichen Handlungshauses stand. Aber in den
folgenden Jahren hatten wir keine Gelegenheit versaeumt, uns
wiederzusehen, und auch jetzt war ihm der Umweg ueber unsere Stadt
nicht zu weit gewesen, um uns wenigstens auf vierundzwanzig Stunden zu
begruessen.

Wir fanden ihn in seinem Aussehen unveraendert; er war noch immer ein
schoener Mann, das Haar kaum mit dem ersten Grau angesprengt, die hohe
Stirn glatt und weiss. Aber er schien uns schweigsamer als bei unserem
letzten Begegnen, manchmal so in sich versinkend, dass er unsere Fragen
ueberhoerte, waehrend er minutenlang unverwandt die Perlen des Weins im
Glase aufquellen sah oder ein Stueck Eis langsam am Kerzenlicht
zertauen liess. Wir dachten ihn gespraechig zu machen, wenn wir ihn
nach seiner letzten Reise ausfragten. Aber als auch dieses
Lieblingsthema nicht sonderlich einschlug, liessen wir ihn gewaehren und
sprachen unter uns, froh, dass wir ihn wenigstens leiblich bei uns
hatten, und ruhig abwartend, wann er auch geistig zu uns zurueckkehren
wuerde.

Indessen kramte ich allerlei Gedanken aus, die mich seit kurzem
lebhaft beschaeftigt hatten und die, unreif und schroff, wie ich sie
hinwarf, den Widerspruch unseres Freundes, der ein scharfer
Dialektiker war, zu jeder anderen Zeit gereizt haben wuerden. Der
Zustand des Theaters in Italien hatte den Anstoss gegeben. Ich
behauptete, es sei durchaus nicht wunderbar, dass es die Italiener, so
pathetisch und leidenschaftlich sie sich gebaerdeten, nicht zu einer
tragischen Literatur gebracht haetten, die sich neben die griechische,
englische und deutsche stellen koennte. Im Grunde sei es bei den
Spaniern und Franzosen, trotz ihrer hochberuehmten dramatischen
Blueteperioden, nicht viel besser damit bestellt. Denn das Temperament
der Romanen, ihre Natur wie ihre Kultur, seien nun einmal so streng an
das Konventionelle gebunden, dass die eigentlichsten tragischen
Probleme, die alle auf der Selbstherrlichkeit des Individuums beruhten,
ihnen kaum verstaendlich wuerden; dazu komme noch, dass sie auch in der
Form sich nie zu befreien und die ruecksichtslosen Naturlaute
anzuschlagen wagten, die allein den tragischen Schauder in uns erregen
koennten? Wie jedes aesthetische Gespraech, das nicht bloss an der
Schale herumtastet, fuehrte auch dieses bald in die raetselhaften Tiefen
der Menschennatur, und waehrend Amadeus scheinbar teilnahmslos mit
seinem silbernen Stift Figuren in den verschuetteten Wein zeichnete,
nahm Otto lebhaft Partei fuer das, was ich als Konvention zu verdammen
schien, er aber als das strengwaltende Sittengesetz auch in der
Dichtung obenan stellte. Mein Satz schien ihm gefaehrlich, dass jeder
tragische Fall das Naturrecht der Ausnahme gegen das buergerliche Recht
der Regel verherrlichen muesse, dass demnach der Begriff einer
tragischen Schuld auf das Verbrechen hinauslaufe, einen Daemon im Busen
zu haben, der den einzelnen ueber die engen Schranken der
Alltagssatzung hinaushoebe und ihn darin bestaerke, mit nichts sich
abzufinden, nichts zu dulden, nichts zu verehren, was dem innersten
Gefuehl widerstreite. Damit loesest du, sagte er, die ganze Weltordnung,
die doch wohl ihre guten Gruende hat, zu Gunsten eines unbegrenzten
Individualismus auf und scheinst nur dem wahren Wert fuer die Poesie
zuzuerkennen, was sich ausser das Gesetz stellt.--Ich suchte ihn dabei
festzuhalten, dass es sich hier nur um die eigentlich tragischen
Kollisionsfaelle handle, und dass grosse und starke, mit einem Wort,
heroische Seelen den Streit der Pflichten anders zu loesen pflegten als
der aengstliche, von kleinen Gewohnheiten und Ruecksichten eingeengte
Mittelschlag der Philister. Geniale Naturen, sagt' ich, die auf sich
selbst beruhten, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Mass
ihrer innern Kraft und Groesse als ein Beispiel vorleuchten lassen,
ebensosehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Kuenstler
die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter
hinausruecken. Und was an Obermass und Uebermut des Selbstgefuehls in
jenen heroischen Seelen sich ruehren mag, wird es nicht eben durch den
tragischen Untergang gelaeutert und gebuesst? Wenigstens nach der
Meinung der Philister, denen das Leben das hoechste Gut ist, die also
auch schwerlich von Handlungen und Gesinnungen zu verfuehren sind, auf
die nach dem Weltlauf der Tod gesetzt ist. Der Dichter aber und die,
die ihn verstehn, wird sich das Recht nicht verkuemmern lassen, sich
der hohen Erscheinungen zu erfreuen, fuer welche die ueblichen
Zollstoecke der Moral nicht passen wollen. Und wer das unsittlich

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