Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Hauff, Wilhelm, 1802-1827
German
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Below is a summary of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826
Wilhelm Hauff
Inhalt:
Maerchen als Almanach
Die Karawane (Rahmenerzaehlung)
Die Geschichte vom Kalif Storch
Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Die Geschichte von der abgehauenen Hand
Die Errettung Fatmes
Die Geschichte von dem kleinen Muck
Das Maerchen vom falschen Prinzen
Maerchen als Almanach
Wilhelm Hauff
In einem schoenen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die
Sonne in seinen ewig gruenen Gaerten niemals untergehe, herrschte von
Anfang an bis heute die Koenigin Phantasie. Mit vollen Haenden
spendete diese seit vielen Jahrhunderten die Fuelle des Segens ueber
die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das
Herz der Koenigin war aber zu gross, als dass sie mit ihren Wohltaten
bei ihrem Lande stehen geblieben waere; sie selbst, im koeniglichen
Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schoenheit, stieg herab auf die Erde;
denn sie hatte gehoert, dass dort Menschen wohnen, die ihr Leben in
traurigem Ernst, unter Muehe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie
die schoensten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schoene
Koenigin durch die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen
froehlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernst.
Auch ihre Kinder,nicht minder schoen und lieblich als die koenigliche
Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu begluecken. Einst kam
Maerchen, die aelteste Tochter der Koenigin, von der Erde zurueck. Die
Mutter bemerkte, dass Maerchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr
beduenken, als ob sie verweinte Augen haette.
"Was hast du, liebes Maerchen", sprach die Koenigin zu ihr, "du bist
seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner
Mutter nicht anvertrauen, was dir fehlt?"
"Ach, liebe Mutter", antwortete Maerchen, "ich haette gewiss nicht so
lange geschwiegen, wenn ich nicht wuesste, dass mein Kummer auch der
deinige ist."
"Sprich immer, meine Tochter", bat die schoene Koenigin, "der Gram ist
ein Stein, der den einzelnen niederdrueckt, aber zwei tragen ihn
leicht aus dem Wege."
"Du willst es", antwortete Maerchen, "so hoere: Du weisst, wie gerne ich
mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Aermsten vor
seiner Huette sitze, um nach der Arbeit ein Stuendchen mit ihm zu
verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum
Gruss, wenn ich kam, und sahen mir laechelnd und zufrieden nach, wenn
ich weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!"
"Armes Maerchen!" sprach die Koenigin und streichelte ihr die Wange,
die von einer Traene feucht war, "aber du bildest dir vielleicht dies
alles nur ein?"
"Glaube mir, ich fuehle es nur zu gut", entgegnete Maerchen, "sie
lieben mich nicht mehr. Ueberall, wo ich hinkomme, begegnen mir
kalte Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder,
die ich doch immer so lieb hatte, lachen ueber mich und wenden mir
altklug den Ruecken zu."
Die Koenigin stuetzte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
"Und woher soll es denn", fragte die Koenigin, "kommen, Maerchen, dass
sich die Leute da unten so geaendert haben?"
"Sieh, die Menschen haben kluge Waechter aufgestellt, die alles, was
aus deinem Reich kommt, o Koenigin Phantasie, mit scharfem Blicke
mustern und pruefen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne
ist, so erheben sie ein grosses Geschrei, schlagen ihn tot oder
verleumden ihn doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort
glauben, dass man gar keine Liebe, kein Fuenkchen Zutrauen mehr findet.
Ach, wie gut haben es meine Brueder, die Traeume, froehlich und leicht
huepfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen
Maennern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen
ihnen, was das Herz beglueckt und das Auge erfreut!"
"Deine Brueder sind Leichtfuesse", sagte die Koenigin, "und du, mein
Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwaechter
kenne ich uebrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
geradewegs aus meinem Reiche kaeme, und doch hatte er hoechstens von
einem Berge zu uns heruebergeschaut."
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