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Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl

Brentano, Clemens, 1778-1842

German



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Below is a summary of Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl








Geschichte vom braven Kasperl und dem schoenen Annerl

Clemens Brentano



Es war Sommersfruehe, die Nachtigallen sangen erst seit einigen Tagen
durch die Strassen und verstummten heut in einer kuehlen Nacht, welche
von fernen Gewittern zu uns herwehte; der Nachtwaechter rief die elfte
Stunde an, da sah ich, nach Hause gehend, vor der Tuer eines grossen
Gebaeudes einen Trupp von allerlei Gesellen, die vom Biere kamen, um
jemand, der auf den Tuerstufen sass, versammelt. Ihr Anteil schien mir
so lebhaft, dass ich irgendein Unglueck besorgte und mich naeherte.

Eine alte Baeuerin sass auf der Treppe, und so lebhaft die Gesellen
sich um sie kuemmerten, so wenig liess sie sich von den neugierigen
Fragen und gutmuetigen Vorschlaegen derselben stoeren. Es hatte etwas
sehr Befremdendes, ja schier Grosses, wie die gute alte Frau so sehr
wusste, was sie wollte, dass sie, als sei sie ganz allein in ihrem
Kaemmerlein, mitten unter den Leuten es sich unter freiem Himmel zur
Nachtruhe bequem machte. Sie nahm ihre Schuerze als ein Maentelchen um,
zog ihren grossen schwarzen, wachsleinenen Hut tiefer in die Augen,
legte sich ihr Buendel unter den Kopf zurecht und gab auf keine Frage
Antwort.

"Was fehlt dieser alten Frau?" fragte ich einen der Anwesenden; da
kamen Antworten von allen Seiten: "Sie koemmt sechs Meilen Weges vom
Lande, sie kann nicht weiter, sie weiss nicht Bescheid in der Stadt,
sie hat Befreundete am andern Ende der Stadt und kann nicht hinfinden,
"--"Ich wollte sie fuehren", sagte einer, "aber es ist ein weiter Weg,
und ich habe meinen Hausschluessel nicht bei mir. Auch wuerde sie das
Haus nicht kennen, wo sie hin will."--"Aber hier kann die Frau nicht
liegen bleiben", sagte ein Neuhinzugetretener. "Sie will aber
platterdings", antwortete der erste; "ich habe es ihr laengst gesagt,
ich wolle sie nach Haus bringen, doch sie redet ganz verwirrt, ja sie
muss wohl betrunken sein."--"Ich glaube, sie ist bloedsinnig. Aber
hier kann sie doch in keinem Falle bleiben", wiederholte jener, "die
Nacht ist kuehl und lang."

Waehrend allem diesem Gerede war die Alte, grade als ob sie taub und
blind sei, ganz ungestoert mit ihrer Zubereitung fertig geworden, und
da der letzte abermals sagte: "Hier kann sie doch nicht bleiben",
erwiderte sie, mit einer wunderlich tiefen und ernsten Stimme:

"Warum soll ich nicht hier bleiben? Ist dies nicht ein herzogliches
Haus? Ich bin achtundachtzig Jahre alt, und der Herzog wird mich
gewiss nicht von seiner Schwelle treiben. Drei Soehne sind in seinem
Dienst gestorben, und mein einziger Enkel hat seinen Abschied
genommen;--Gott verzeiht es ihm gewiss, und ich will nicht sterben,
bis er in seinem ehrlichen Grab liegt."

"Achtundachtzig Jahre und sechs Meilen gelaufen!" sagten die
Umstehenden, "sie ist mued und kindisch, in solchem Alter wird der
Mensch schwach."

"Mutter, Sie kann aber den Schnupfen kriegen und sehr krank werden
hier, und Langeweile wird Sie auch haben", sprach nun einer der
Gesellen und beugte sich naeher zu ihr.

Da sprach die Alte wieder mit ihrer tiefen Stimme, halb bittend, halb
befehlend:

"O lasst mir meine Ruhe und seid nicht unvernuenftig; ich brauch keinen
Schnupfen, ich brauche keine Langeweile; es ist ja schon spaet an der
Zeit, achtundachtzig bin ich alt, der Morgen wird bald anbrechen, da
geh ich zu meinen Befreundeten. Wenn ein Mensch fromm ist und hat
Schicksale und kann beten, so kann er die paar armen Stunden auch
noch wohl hinbringen."

Die Leute hatten sich nach und nach verloren, und die letzten, welche
noch da standen, eilten auch hinweg, weil der Nachtwaechter durch die
Strasse kam und sie sich von ihm ihre Wohnungen wollten oeffnen lassen.
So war ich allein noch gegenwaertig. Die Strasse ward ruhiger. Ich
wandelte nachdenkend unter den Baeumen des vor mir liegenden freien
Platzes auf und nieder; das Wesen der Baeuerin, ihr bestimmter,
ernster Ton, ihre Sicherheit im Leben, das sie achtundachtzigmal mit
seinen Jahreszeiten hatte zurueckkehren sehen, und das ihr nur wie ein
Vorsaal im Bethause erschien, hatten mich mannigfach erschuettert.
"Was sind alle Leiden, alle Begierden meiner Brust? Die Sterne gehen
ewig unbekuemmert ihren Weg--wozu suche ich Erquickung und Labung, und
von wem suche ich sie und fuer wen? Alles, was ich hier suche und
liebe und erringe, wird es mich je dahin bringen, so ruhig wie diese
gute, fromme Seele die Nacht auf der Schwelle des Hauses zubringen zu
koennen, bis der Morgen erscheint, und werde ich dann den Freund
finden wie sie? Ach, ich werde die Stadt gar nicht erreichen, ich
werde wegemuede schon in dem Sande vor dem Tore umsinken und
vielleicht gar in die Haende der Raeuber fallen." So sprach ich zu mir
selbst, und als ich durch den Lindengang mich der Alten wieder
naeherte, hoerte ich sie halblaut mit gesenktem Kopfe vor sich hin
beten. Ich war wunderbar geruehrt und trat zu ihr hin und sprach:
"Mit Gott, fromme Mutter, bete Sie auch ein wenig fuer mich!"--bei
welchen Worten ich ihr einen Taler in die Schuerze warf.


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