Große und kleine Welt
Balzac, Honoré de 1799-1850
German
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HONORE DE BALZAC
GROSSE UND KLEINE WELT
MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI
PIERRE GRASSOU
Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der
Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen
der endlosen, ueberhaeuften Galerien kaum eines Gefuehls des Unbehagens
und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren koennen.
Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal
erstuermt worden durch die Kuenstler; und sie haben es verstanden, sich
dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals fuer den
kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und
ueber die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewaehlt
worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein
leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Ueberfuelle der
Gemaelde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschoepft
seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er
aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines
Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines kuenstlerischen
Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfaeltiger Auslese--alles.
Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog
ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch
nicht bekannter wird, dass zehn oder zwoelf ausgestellte Bilder dahinter
aufgefuehrt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht
derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougeres, den man in der
Kuenstlerwelt einfach Fougeres nennt.
Fougeres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen
Haeuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie
besitzen einen Hausflur, eine enge, duestere, halsbrecherische
Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof,
der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist.
Ueber den drei oder vier Raeumen, die Grassou von Fougeres bewohnte, lag
ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Waende
waren rot gestrichen, der Boden braun gewaechst, auf jedem Stuhl lag ein
gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im
Schlafzimmer einer Kraemerin. Alles liess auf das wohlgeordnete Dasein
eines gesetzten Buergers von engem Horizont schliessen. Das Atelier
enthielt ausserdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeraete, einen
Fruehstueckstisch, einen Schreibtisch und einen grossen Ofen, ferner die
zum Malen erforderlichen Gegenstaende. Alles dies war sauber und in
guter Ordnung.
Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses fuer den Portraetisten besonders
guenstigen Monats, war Pierre Grassou fruehzeitig aufgestanden, hatte den
Ofen angezuendet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, dass die
Scheiben des Atelierfensters auftauen wuerden, um das Tageslicht
ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein
Fruehstueck, ein in Milch getunktes Hoernchen.
Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler
eben mit der Arbeit beginnen wollte, ueberraschte ihn Elias Magus,
Bilderhaendler und Leinwandwucherer.
"Wie gehts, alter Halunke?" begruesste ihn Grassou. Elias nahm ihm seine
Gemaelde ab, das Stueck fuer zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es,
im Verkehr mit einander sich des sogenannten Kuenstlertons zu bedienen.
"Schlechte Geschaefte," sagte Elias. "Ihr Kuenstler stellt unverschaemte
Forderungen. Wenn Ihr fuer sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext,
verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafuer. Aber Sie, Fougeres, sind
ein anstaendiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen."
"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougeres; "verstehen Sie
lateinisch?"
"Nein."
"Nun, das heisst soviel, als dass die Griechen den Trojanern nichts
anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl
auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine
Musterwendung des unter den Malern gebraeuchlichen Atelierstils, den
Fougeres, wie man sieht, vollkommen beherrschte.
"Ich verlange doch nicht, dass Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen!
Sie sind ein ehrenwerter Kuenstler."
"Nun--und?"
"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine
Tochter."
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