Darwinismus und Sozialismus - Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft
Büchner Ludwig
German
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Below is a summary of Darwinismus und Sozialismus - Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft
DARWINISMUS UND SOZIALISMUS
oder
Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft.
von
PROF, DR. LUDWIG BÜCHNER.
Leipzig
Ernst Günthers Verlag
1894.
Der Zustand der menschlichen Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart
bietet für das Auge des Menschenfreundes in vielfacher Beziehung ein wenig
erfreuliches Bild. Es zeigt uns riesige Gegensätze von höchstem Glück und
von tiefstem Elend, Grenzenlose Armut neben grenzenlosem Reichtum,
grenzenlose Gewalt neben grenzenloser Ohnmacht, grenzenloser Überfluss
neben grenzenloser Entbehrung, Übermass von Arbeit neben Nichtsthuerei und
Faulenzertum, politische Freiheit neben wirtschaftlichem Knechttum,
fabelhaftes Wissen neben tiefster Unwissenheit, Schönes und Herrliches
jeder Art neben Hässlichem und Abstossendem jeder Art, höchste Erhebung
menschlichen Seins und Könnens neben dessen tiefster Versunkenheit, blöder
dumpfer Aberglauben neben höchster Geistesfreiheit -- das ist der
Charakter einer Gesellschaft, welche in der Grösse und dem Widerstreit
dieser Gegensätze die schlimmsten, hinter uns liegenden Zeiten politischer
Unterdrückung und Sklaverei noch überbieten zu wollen scheint. Von jeher
haben die Menschen untereinander und gegen ihr eignes Geschlecht in einer
Weise gewütet, im Vergleich mit welcher die wildesten und grausamsten
Bestien als fromme Lämmer erscheinen müssen. Aber wenn auch diese Zeiten
wildester Barbarei und Zerfleischungswut in zivilisieren Ländern
grösstenteils vorüber sind, so wiederholen sie sich doch in andrer Form in
jenen erschütternden gesellschaftlichen Tragödien von Mord, Selbstmord,
Hungertod, unverschuldeter Krankheit, frühzeitigem Tod, Arbeitslosigkeit
u. s. w., welche wir beinahe tagtäglich an uns vorüber müssen ziehen
lassen, ohne im Stande zu sein, ihre schreckliche Wiederkehr zu verhüten
oder ohne ihnen mehr als eine kurze Regung des Mitleids schenken zu
können. Tagtäglich sehen wir Menschen aus Mangel der notwendigsten
Lebensbedürfnisse schnell oder langsam zu Grunde gehen, während dicht
neben ihnen der besser situierte Teil der Gesellschaft in Überfluss und
Wohlleben erstickt, und während der National-Wohlstand einen nie
gesehenen, aber in der Regel nur Einzelnen zu Gute kommenden Aufschwung
nimmt. Wenn wir sehen, dass Hunderttausende in Üppigkeit verderben,
während Millionen dasselbe Schicksal erleiden durch Darben und Entbehren,
so wird man beinahe versucht, jenem englischen Schriftsteller Recht zu
geben, welcher fragt: »Ist es in Ordnung, dass Millionen beinahe Hungers
sterben, damit einige Tausende an Dyspepsie (Magenüberladung) zu Grunde
gehen?«
Die Statistik hat die traurige Thatsache an das Liebt gebracht, dass die
durchschnittliche Lebensdauer der Armen kaum etwas mehr, als die Hälfte
der Lebensdauer der Reichen beträgt. Also wird der Arme durch die einfache
Thatsache seiner Armut nicht bloss um den Genuss des Lebens, sondern auch
um das Leben selbst gebracht. Am schwersten lastet dieser Fluch der Armut
auf der armen, unschuldigen Kinderwelt, welche schon mit ihrem ersten
Atemzuge den Keim eines frühen Todes oder späterer Krankheit in sich
aufnimmt, und zwar hauptsächlich durch gesellschaftliches Verschulden. Die
Statistik zeigt, dass im Durchschnitt schon die Hälfte aller Kinder der
Armen vor Erreichung des fünften Lebensjahres dieses irdische Jammerthal
wieder verlässt infolge von Mangel, schlechter Pflege u. s. w. Der riesige
nationalökonomische Schaden dieses fortwährenden zwecklosen Kommens und
Gehens springt in die Augen. Alle die Millionen Ausgaben an Geld und
Arbeit, welche auf diese Kleinen verwendet worden sind, gehen mit ihrem
Tode für die Gesamtheit unwiderbringlich verloren und können nie wieder
durch deren spätere Thätigkeit ersetzt werden.
Muss es nicht das Herz des Menschenfreundes auf das Tiefste betrüben, wenn
er die Kinder der Armen in Pfützen und Kothaufen nach Speiseresten wühlen
sieht, welche den Reichen für ihre Hunde und Katzen zu schlecht sind --
oder wenn er hören muss, dass ganze Scharen von Kindern morgens ohne
Frühstück in die Schulen getrieben werden -- oder wenn er von
verzweifelten Vätern oder Müttern lesen muss, welche sich und ihre Kinder
einem freiwilligen Tode opfern, um dem Tode durch Hunger oder Entbehrung
zu entgehen -- oder wenn er sehen muss, wie eine politische oder
geschäftliche Krisis ganze Scharen fleissiger Arbeiter ohne Nahrung für
sich selbst und für die Ihrigen auf das Pflaster wirft -- oder wenn er
beobachten muss, wie die Zunahme der Verbrechen gegen Leben und Eigentum
zumeist einem heimlich geführten Kriege der Besitzlosen gegen die
Besitzenden entspringt -- oder wenn er die Überzeugung gewinnen muss, dass
Egoismus und Selbstsucht die Grundsäulen sind, auf denen die menschliche
Gesellschaft aufgebaut ist, u. s. w.? Wenn wir unsre grossen Städte, unsre
mächtigen Industriebezirke durchwandern, so haben wir fast bei jedem
Schritte Gelegenheit, zu bemerken, wie unmittelbar neben, über und unter
den Stätten des Reichtums, und Glanzes die Höhlen des Lasters und Elends
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